Der „Selbstmörderfriedhof“ im Grunewald

Die Förster im Grunewald bei Berlin hatten im 19. Jahrhundert ein ungewöhnliches Problem: wohin mit den Leichen der Selbstmörder? Denn am Havelufer, das zum Revier der Förster gehörte, wurden immer wieder tote Menschen angetrieben, die „ins Wasser gegangen“ waren.

weg-300x400Auf kirchlichen Friedhöfen durften diese Menschen nicht begraben werden. Suizid galt als schwere Sünde, diese Toten erhielten kein ordentliches Begräbnis in geweihtem Boden.

An der Havel begannen die Förster daher, die angespülten Leichen ein Stück die Havelhöhe hochzutragen und auf einer Lichtung im Wald zu vergraben. Das war natürlich illegal und strafbar, entwickelte sich aber zur heimlichen Praxis.

Entstehung des illegalen Friedhofs

So entstand im 19. Jahrhundert ein illegaler Friedhof, der einzige „Selbstmörderfriedhof“ in Deutschland.
Hier wurden Dienstmädchen begraben, die von ihren Dienstherren geschwängert wurden und sich wegen dieser „Schande“ umbrachten. Es liegen hier Männer, die sich im Grunewald duelliert und dies nicht überlebt haben. Und Menschen, die ihre Träume in der aufstrebenden Metropole Berlin nicht verwirklichen konnten und deshalb den Freitod wählten.

Es heisst, dass sich die Existenz dieses „Selbstmörderfriedhofs“ oder „Friedhof der Namenlosen“ herumsprach und dass immer mehr Berliner ihre durch Suizid gestorbenen Angehörigen hier herbrachten und begruben. Und es sollen sich Menschen extra in der Nähe des Friedhofs das Leben genommen haben, um dort bestattet zu werden.

Legalisierung des Friedhofs

tor-300x325Im Jahr 1900 wurde der nur etwa 80 Meter lange und 60 Meter breite Friedhof mehr oder weniger „legalisiert“, aus diesem Jahr ist die erste offiziell dokumentierte Beerdigung bekannt.
Wie viele Menschen zu diesem Zeitpunkt dort schon begraben waren, weiss niemand genau. Schätzungen gehen von etwa 800 Toten aus.

Im Jahr 1913 wurde die Friedhofsmauer mit dem Friedhofstor errichtet.
Seit 1920 ist das Gelände ein städtischer Friedhof und heisst offiziell „Friedhof Grunewald-Forst“.

Heute finden hier nur noch ganz selten Beerdigungen statt. Am Eingang hängt ein vergilbter Aushang mit der Ankündigung einer Beerdigung, datiert aus dem Jahr 2016.

In ungefähr 50 Jahre soll der Friedhof aufgelöst werden, so plant es das zuständige Bezirksamt. Dann werden die Mauer mit dem Tor und die Aufbahrungshalle abgerissen, die Grabsteine entfernt und die Gräber eingeebnet. Das Gelände wird der Natur zurückgegeben.

Unser Tipp: ein Ausflug zum Friedhof

schild_300x400Der verwunschene kleine Friedhof mitten im Wald ist ein schönes Ausflugsziel für Menschen, die sich für solche geschichtsträchtigen Orte interessieren.
Er ist von der Havelchaussee gut zu erreichen, von der Bushaltestelle „Havelweg“ aus gibt es einen ausgeschilderten Weg.
Wenn Sie mit dem Auto hinfahren, dann parken Sie am besten am Schildhorn, laufen die Havelchaussee hoch zur Bushaltestelle und folgen dann den Schildern.

Wir haben den Friedhof letztes Wochenende besucht und waren sehr beeindruckt von diesem idyllischen Plätzchen.

Geschichten und Anekdoten rund um den Friedhof

An die im 19. Jahrhundert illegal vergrabenen Selbstmördern erinnert auf dem heutigen Friedhof nichts mehr. Aber es gibt einige interessante Gräber zu entdecken, und es ranken sich viele Geschichten um die Menschen, die dort begraben wurden.

Bekannt und damals viel diskutiert ist der Fall des 25-jährigen Dienstmädchens Minna Braun, die 1919 vergiftet mit einer Überdosis Schlafmittel und Morphium an der Havelchaussee gefunden wurde. Sie wurde in die Aufbahrungshalle gebracht und sollte auf dem Friedhof beerdigt werden. 14 Stunden nach dem Auffinden kamen Polizisten, um die Identität der Frau festzustellen und die Formalitäten zu erledigen. Plötzlich sahen sie, dass sich der Kehlkopf der „Toten“ bewegte und brachten sie sofort in ein Krankenhaus, wo ihr Leben gerettet wurde.
Der Fall löste eine stürmische Debatte über die Gefahr des Lebendig-Begrabenwerdens aus, die ganz Berlin und Deutschland lange beschäftigte.
Für Minna Braun nahm die Geschichte allerdings kein gutes Ende. Sie wurde einige Zeit später an der gleichen Stelle wie zuvor gefunden, nur hatte sie diesmal eine wirklich tödliche Dosis Schlafmittel genommen.
Ihr Grab auf dem Friedhof haben wir bei unserem Besuch nicht finden können, wahrscheinlich existiert es nicht mehr.

kreuze-300x400Nicht zu übersehen sind jedoch die Kreuze zum Gedenken an einige Menschen, die sich 1917 das Leben nahmen. Die fünf hölzernen orthodoxen Kreuze im Eingangsbereich des Friedhofes erinnern an fünf junge Russen, die die Absetzung und den Tod ihres Zaren nicht verkraftet haben und sich deshalb umbrachten.

Bei vielen der Gräber handelt es sich um Begräbnisstätten von Förstern, die hier im Grunewald ihr Revier hatten und daher hier begraben werden wollten.
Es gibt Gerüchte, dass einige Förster sich nach 1918 das Leben nahmen, weil sie es nicht verwinden konnten, dass sie nach Abschaffung der Monarchie nicht mehr königlicher, sondern nur noch städtischer Beamter waren.

foerster-300x400Bekannt ist das ungewöhnliche Grab des Oberförsters Willi Schulz (1881 – 1928), das mit einem dreiteiligen Holzgrabmal versehen ist. Oben an dem mittleren Teil ist ein Hirschgeweih angebracht, und als Inschrift ist unter den Daten des Försters lapidar vermerkt „Jagd vorbei“. Offenbar war Förster Schulz ein begeisterter Jäger.

Bedrückend fanden wir die Gedenksteine für die ca. 1.200 Toten, die hier im Frühling 1945 teils in Massengräbern, teils in Einzelgräbern bestattet wurden. Diese Menschen starben in den letzten Tagen des Krieges, von vielen sind nicht einmal die Namen bekannt.

Das Grab von Nico

Das bekannteste Grab auf dem Friedhof ist das der Sängerin Nico, die mit bürgerlichem Namen Christa Päffgen hieß (1938 – 1988). Sie war Ende der 1950er Jahren ein gefragtes Fotomodel, trat in den 1960er Jahrgrab-nico-300x400en in Nebenrollen in Filmen von Federico Fellini (z. B. „La dolce vita“) auf und verkehrte mit vielen Künstlern. Andy Warhol brachte sie mit der Musikgruppe „Velvet Underground“ zusammen, deren Leadsängerin sie wurde. Später versuchte sie es mit einer Solokarriere, die aber nur mäßig erfolgreich war. Sie verfiel dem Alkohol und den Drogen, 1988 starb sie bei einem Fahrradunfall auf Ibiza.

Nico soll als 18-Jährige mit ihrer Mutter auf dem Friedhof spazieren gegangen sein und gesagt haben „hier will ich begraben werden“. Dieser Wunsch wurde erfüllt, sie hat hier ihr Grab, gemeinsam mit ihrer Mutter.
Noch eine Anekdote: nach ihrer Beerdigung haben ihre Freunde angeblich drei Tage lang ihr zu Ehren auf  dem Friedhof gefeiert, und zu ihrem Geburtstag und ihrem Todestag sollen immer noch Fans und Freunde zum Grab pilgern.

Fazit

Der „Selbstmörderfriedhof“ im Grunewald ist ein lohnendes Ausflugsziel, idyllisch gelegen und gut zu erreichen. Es gibt viele interessante und kuriose Geschichten rund um diesen Ort, deren Spuren man nachforschen kann.

 

Wir wünschen Ihnen viel Spaß dabei
Johanna Madrasch & Hans Ellinger
www.familiengeschichte-erforschen.de

 

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