Verbrechen, Unglück und Dorfklatsch – im Kirchenbuch von Gröben

Über eine Dorfchronik der besonderen Art verfügt der kleine Ort Gröben: ein Kirchenbuch, in dem die Jahre 1578 – 1769 ausführlich dokumentiert sind. Es liest sich so spannend, dass Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ seitenlang Auszüge übernommen hat.

Was alles im Kirchenbuch steht

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Kirche Gröben

Die Pfarrer der Gemeinde haben nicht nur, wie in Kirchenbüchern üblich,  die Geburten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen notiert. Sie haben auf ca. 900 Seiten auch die anderen Ereignisse im Dorf und in der Umgebung aufgeschrieben. Manche haben das Kirchenbuch fast wie ein Tagebuch geführt.

Die Hinrichtung von Kindsmörderinnen, das Auspeitschen und Inhaftieren von Gotteslästerern, Unfälle und Feuersbrünste, Überfälle und Plünderungen durch Soldaten, Krankheiten und besondere Familienereignisse der Einwohner – all das und noch viel mehr wird im Kirchenbuch festgehalten.

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Innenraum der Kirche

Dazu gibt es noch Erziehungstipps, Küchenrezepte, medizinische Informationen und vieles andere, was die Pfarrer beschäftigt hat.

Klatsch und Tratsch

Die Pfarrer waren nicht nur bei ihrer Themenwahl sehr vielseitig, sie hielten sich auch mit persönlichen Anmerkungen nicht zurück. Da werden Gemeindemitglieder mit Begriffen wie „Schandsack“, „Hure“, „Flegel“, „Erz-Ehebrecher“ usw. bedacht, wenn ihr Lebenswandel dem Pfarrer nicht gefiel. Ihre „Verfehlungen“ werden ausführlich und voller Entrüstung dargestellt.

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Pult mit Kirchenbuch

All dies macht das Kirchenbuch von Gröben, zu einer ergiebigen Quelle, nicht nur zu den Lebensdaten der Einwohner, sondern auch zum Zeitgeschehen.
Und es ist sehr unterhaltsam zu lesen.

Ganz unten in diesem Artikel finden Sie einige Beispiele für Kirchenbucheinträge.

Das Original-Kirchenbuch

Das Original des Kirchenbuches befindet sich in Potsdam, im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. Es gilt als wertvoller geschichtlicher Schatz, da es das älteste erhaltene Kirchenbuch in Brandenburg und überhaupt eines der ältesten Kirchenbücher in Deutschland ist.

Wenn Sie in dem Buch lesen möchten, dann haben Sie dazu zwei Möglichkeiten:

Das Kirchenbuch im Internet

Im Internet: das Kirchenbuch ist digitalisiert und im Internet unter www.kirchenbuch-groeben.de einzusehen. Hier können Sie im Buch blättern und all die Ereignisse im Dorfleben zwischen 1578 und 1786 nachlesen.

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Seite des Kirchenbuchs

Wenn Sie Schwierigkeiten haben die alte deutsche Schrift zu entziffern: kein Problem! Die Transkription der Texte steht daneben.

Das Kirchenbuch in der Gröbener Kirche

Die andere Möglichkeit, im Kirchenbuch zu lesen: fahren Sie nach Gröben.

Dort finden Sie die 1909 gebaute Dorfkirche mit wunderbaren Glasfenstern und mit einer außergewöhnlichen Innen- und Deckenbemalung.
Die Kirche ist täglich für Besucher geöffnet.

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Sitzecke mit Fontane-Briefen u. Büchern

In einem kleinen Seitenraum liegt eine Kopie des Kirchenbuches, die neben Abbildungen der Original-Seiten auch eine „Übersetzung“ des Textes enthält.
Hier können Sie das Kirchenbuch studieren.

Außerdem gibt es noch eine Vitrine mit Original-Briefen von Theodor Fontane an den Pfarrer, es liegt ein Exemplar der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ aus, usw.

Ausflug nach Gröben

Wir haben an diesem Wochenende diesen Ausflug nach Gröben unternommen und hatten viel Spaß. In dem kleinen Ausstellungsraum kann man mit dem Kirchenbuch und den anderen Ausstellungsstücken  viel Zeit verbringen.

Als Beweis, dass sich dieser Ausflug lohnt,  sehen Sie hier die Fotos, die wir gemacht haben 🙂

Beispiele für Kirchenbucheinträge

Und nun – wie versprochen – einige Zitate aus dem Kirchenbuch:

1620 am 18. Oktober hat der an der Nuthe wohnende Vogt Hans Blume seinen Stiefvater Hans Möller mit einer Büchse erschossen. Nachschrift aus dem Jahre 1622. Selbiger Hans Blume wurde von den Obrigkeiten zu keiner Strafe gezogen, vielmehr heimlich über die Grenze geschafft. Er ging nun in den Krieg nach Böhmen. Eh er aber nach Prag kam, ward er, nach gerechter göttlicher Wiedervergeltung, auch erschossen. Hat also in seinen Sünden hinsterben müssen. Ach, weh der armen Seele.

1631 starben in Gröben und Siethen 126 Menschen an der Pest.

1634 den 25. März sind Wiprecht Erdmanns Tochter Ursula, Martin Schmidts Tochter Ursula und Hans Bethekes Stieftochter Ursula in einem Kahn spazieren gefahren und als der Wind kam, auf den See getrieben worden. Wobei die zwei ersten ertrunken und zu Gröben beide in ein Grab gelegt worden sind.

1673 den 5. November ist Anna Mulisch, die schon mehrere Kinder außer der Ehe gehabt, von mir getraut worden. Und dieser »Schandsack« hat sich in einem Kranze zur Kirche führen lassen.

1674 am 18. Dezember ist Ursula Lehmann enthauptet worden, weil sie das mit ihrem Schwager erzeugte Kind ins Wasser geworfen.

1679 am 27. März sind auf unserer Feldmark zwei Soldaten begraben worden, welche den Tag vorher mit ihrer Compagnie hier einquartirt gewesen. Sie konnten keine Särrker (Särge) bekommen, weil ihnen ihre Kameraden nichts gelassen hatten als alte Lumpen, welche denn auch ihr Sterbekleid bleiben mußten.

1729 wurde Botho Müller wegen Gotteslästerung durch den Henker ausgepeitscht und nach Spandau condemnirt.

1751 am 31. März ist Eva Pipers uneheliches Kind getauft worden. Der Vater ist Martin Meene, ein lausiger junger Flegel.

1752 am 25. Julius ist die Christiane Mirtzen, ein Schandsack, mit Zwillingen niedergekommen. Der Vater ist der Schäferknecht Michel Pohlmann, ein Erz-Ehebrecher. Gleich zu gleich gesellt sich gern.

1754 In diesem Jahre, d.h. in der Zeit vom 23. Sonntage nach Trinitatis 1753 bis Ostern 1754, hat die Viehseuche hier so gewüthet, daß alles Vieh, jung und alt, hingefallen und keiner was behalten, ausgenommen der Prediger drei Stück und der Küster fünf Kühe. In der ganzen Zeit ist dieser Ort eingesperrt worden.

1755 In diesem Jahre hat allhier, wegen des überhand genommenen großen Wassers, kein Heu können gemäht werden, und sind aus eben dieser Ursache auch beide Ernten gar schlecht ausgefallen.

1755 am 21. Juni war ein entsetzliches Unwetter mit Feuerschaden, und nur das große Wohnhaus des adligen Hofes ist gerettet worden.

1757 am 29. Dezember ist der Weinmeisterknecht Martin Hintze mit der Dorothea Harnack getraut worden. Erzbube mit Erzdirne.

1760 am 11., 12. und 13. Oktober ist Gröben von einigen herumschweifenden Östreichern, nebst etlichen von der Reichsarmee, heimgesuchet worden. Bei welcher Gelegenheit dieser Ort nicht allein an 700 Thlr. Brandschatzung hat geben müssen, sondern sind auch noch die Einwohner geplündert und ihnen ihre Pferde weggenommen worden. Desgleichen ist auch die Kirche und das Pfarrhaus nicht verschont geblieben. In ersterer ist der Kirchkasten aufgebrochen und das darin von etwa vier Jahren her befindliche Klingebeutelgeld geraubt wurden. In dem Pfarrhause haben sie jegliches unten und oben umgewühlt, wodurch dem Prediger über 250 Thlr. Schaden verursacht worden. Gott behüt‘ uns vor fernerem Einfall und Räuberhaufen.

1761 am 7. Oktober hat sich der Kossäte Christian Krüger zwischen 3 und 4 Uhr morgens, aus eingewurzelter Melancholie und Gemütsschwachheit, in seinem Garten an einem Birnbaum mit einem Strick erwürget. Er ist in der Stille, aber auf eine ehrliche Art begraben worden. Gott bewahre jeden vor solchem desperaten Weg aus der Zeit in die Ewigkeit.

1762 vom 7. bis 10. Mai hat es so stark gefroren, daß alle Weinberge hier herum erfroren

1774 Elisabeth Habedank starb an Würmern.

1774 am 17. November ist ein sechs Monate altes Kind außer der Ehe todtgeboren und danach obduciret worden. Ich bewahre das Herz desselben in Spiritus und überlaß es meinem Nachfolger, daraus die Resultate zu seiner Pflicht zu ziehen.

1784 am 21. Januar starb in Siethen die Wittwe Maria Katharina Schumann geb. Ebel aus Blankensee, geboren den 10. Januar 1681. Brachte dergestalt ihr Leben auf 103 Jahr.

1785 am 11. Dezember starb die verwittwete Maria Elisabeth Siegel. Sie war vordem das Sünden- Instrument des verstorbenen von Schlabrendorf zu Siethen, der im Alter noch Christum verwarf. Starb elend.

1786 ist wieder der Gröbner See mit seinem Eis nicht sicher gewesen; aber der Siethner ist über und über unsicher, weil er voll warmer Quellen ist. Seit meinem neunzehnjährigen Hiersein sind nunmehr zehn Personen im Wasser verunglückt.

1786 am 28. April wurde des Hirten Frau zu Siethen, Maria Dorothea Ebel, glücklich entbunden. Die Mutter der Frau rief aber: »Was hast du für ein Kind zur Welt gebracht!« Auf welchen Zuruf die junge Mutter sofort vom Schlage gerührt wurde. Das Kind selbst war gesund und wohlgebildet.

(zitiert nach: Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg)

Haben Ihnen die Zitate  aus dem Kirchenbuch gefallen?

Viele Grüße
Johanna Madrasch & Hans Ellinger
www.familiengeschichte-erforschen.de

 

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2 Kommentare

  1. Hallo
    ich bin begeistert von der Seite und allen hier vorzufindenden Beiträgen. Ich hoffe, dass der Spaß an der Familienforschung und die sich daraus ergebenden Anekdoten noch recht lange anhält und wir hier noch jede Menge weiterer Beiträge finden werden.

    Bitte unbedingt weitermachen – ich bleibe auf jeden Fall ein immer wiederkehrender Besucher.

    Jörg-Michael

    Gefällt mir

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