Wie ich zur Ahnenforschung kam? Durch einen mysteriösen Anruf…

Es war im Jahr 1987, da klingelte das Telefon. Eine mir unbekannte Frau nannte ihren Namen, den ich aber nicht verstand. Sie sagte, sie hätte mich im Telefonbuch unter meinem Nachnamen Madrasch gefunden.

„Sind Sie mit Frau Madrasch-Groschopp verwandt, die das Buch über die Zeitschrift „Die Weltbühne“ geschrieben hat?“ Ich schluckte, dachte nach, und musste der Dame dann mitteilen, dass ich keine Frau Madrasch-Groschopp kenne. Die Anruferin legte ohne weitere Worte auf.

Hmm, wie konnte das sein? Ich hatte schon damals den Spruch drauf „wer Madrasch heißt, muss mit mir verwandt sein“.
Gab es Verwandte, von denen ich nichts wusste? Oder gab es etwa Madraschs, die nicht mit mir verwandt waren?

Ich tat, was man in so einer Situation tut: ich rief Omi an.
Meine Großmutter väterlicherseits war zwar „nur“ eine angeheiratete Madrasch, aber sie hatte einen ausgeprägten Familiensinn, hielt den Kontakt zur Verwandtschaft ihres im Krieg gefallenen Mannes und kannte sich daher in der Familie ganz gut aus.

Omi konnte sich den Anruf ebenfalls nicht erklären und wusste nicht, wer Frau Madrasch-Groschopp sein könnte.
Wir fragten dann noch bei einigen anderen Familienmitgliedern nach, die aber auch vor einem Rätsel standen. Niemand hatte je von dieser Frau gehört.

Also verfolgte ich den einzigen Hinweis, den ich hatte: das Buch über „Die Weltbühne“.

Heute würde man einfach bei Google suchen, aber damals gab’s noch kein Internet. Also führte mich mein Weg ganz altmodisch in die Bibliothek der Freien Universität in West-Berlin, an der ich damals studierte.
Und tatsächlich, dort habe ich das Buch gefunden. Und die Autorin hieß: Ursula Madrasch-Groschopp. Die Information der mysteriösen Anruferin stimmte also.

Im Klappentext des Buches standen leider nur ganz wenige Angaben zur Autorin: Jahrgang 1916, begann 1946 als Redaktionsassistentin bei der Weltbühne, wurde Redakteurin und war dann 27 Jahre lang stellvertretende Chefredakteurin. 1976 ging sie in Rente.
Das war’s.

Das Buch war in einem DDR-Verlag erschienen. Und „Die Weltbühne“ erschien auch im Jahr 1987 noch, in Ost-Berlin.

Von der Zeitschrift hatte ich immerhin schon mal gehört.
In der Zeit von der Gründung 1905 bis 1933 hatten berühmte Autoren wie Kurt Tucholsky, Christian Morgenstern, Georg Bernard Shaw, Hugo von Hoffmannsthal, Robert Walser, Erich Mühsam, Lion Feuchtwanger, Egon Erwin Kisch, Arnold Zweig, Klabund, Erich Kästner, Alfred Döblin, Joachim Ringelnatz und viele andere für die Zeitschrift gearbeitet.

Aber zurück zur Autorin des Buches: ich versuchte natürlich, sie zu finden.
Bei meinem nächsten Besuch in Ost-Berlin schnappte ich mir ein Telefonbuch und schlug nach. Doch weder unter „Madrasch“ noch unter „Groschopp“ fand ich einen Eintrag.

Jetzt gab es nur noch die Möglichkeit, bei der Redaktion der „Weltbühne“ nachzufragen. Aber das traute ich mich nicht. Eine Studentin aus dem Westen, die Kontakt zu einer Zeitungsredaktion in der DDR aufnimmt… das war mir zu heikel.

Aber ein kleines Erfolgserlebnis hatte ich doch an diesem Tag: von meinem Zwangsumtausch-Geld habe ich mir ein Exemplar des Buches gekauft. Das habe ich heute noch.

Ich kam mit den Nachforschungen also nicht weiter und legte die Angelegenheit erst einmal „zu den Akten“.

Aber: mein Interesse für meine Familiengeschichte und die Ahnenforschung war geweckt.
Damals erstellte ich meinen ersten Stammbaum, in den ich alle mir bekannten Familienmitglieder eintrug und den ich dann bei jedem Besuch bei Verwandten vervollständigte.

Anfang der 1990er Jahre, im wiedervereinigten Deutschland, unternahm ich einen neuen Versuch, Frau Madrasch-Groschopp zu finden. Ich fragte in der Redaktion der Weltbühne nach. Und ich hatte Erfolg!

Sie wohnte in Kleinmachnow, einem kleinen Ort am Stadtrand von Berlin, der aber zum Land Brandenburg gehört. Darum also hatte ich sie im Ost-Berliner Telefonbuch nicht gefunden.

Ich schrieb ihr einen Brief, in dem ich die ganze Geschichte erzählte, und bat sie um Aufklärung, wie sie in die Familie Madrasch gehört.

Als Antwort erhielt ich eine Einladung zu Kaffee und Kuchen, die ich natürlich gerne annahm. Und so besuchte ich sie, und tat das auch in den nächsten Jahren bis zu ihrem Tod immer wieder. Sie war eine tolle Frau!

Was den Namen betrifft: sie war eine angeheiratete Madrasch. Sie war nur ganz kurz mit einem Cousin meines Großvaters verheiratet, der im Krieg gefallen ist. Und als sie 1965 ihren zweiten Ehemann, den Regisseur Richard Groschopp, heiratete, behielt sie den Namen ihres ersten Mannes und machte einen Doppelnamen daraus.

Frau Madrasch-Groschopp, ihr erster Mann und die Tochter wurden selbstverständlich in meinen Familienstammbaum aufgenommen.

So entstand durch den mysteriösen Anruf einer Unbekannten mein Interesse an der Ahnenforschung.

Zu diesem Artikel wurde ich übrigens durch die Blogparade „Schlüsselmomente Ahnenforschung: Welche Erlebnisse weckten Dein Interesse an den Vorfahren?“ angeregt, die Lars Tiele von der Archivrecherche Dresden gestartet hat.
Dies ist mein Beitrag 🙂

Wenn Sie sich auch an der Blogparade beteiligen möchten (bis 31.08.2017), oder wenn Sie die Artikel der anderen Teilnehmer lesen wollen, hier ist der Link:
http://archivrecherche-dresden.de/blogparade-schluesselmomente-ahnenforschung/

Ihre
Johanna Madrasch
www.familiengeschichte-erforschen.de

zur-startseite© familiengeschichte-erforschen.de

 

 

11 Kommentare

  1. Das Herumtelefonieren in öffentlichen Telefonbüchern ist eine Methode, die durchaus Erfolg bringt. Auf dieser Weise konnte ich eine bisher unbekannte Halbschwester von mir ausfindig machen und einen vermissten Onkel wiederfinden.

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    • Ja, Telefonbücher sind bzw. waren nützlich.
      Und wenn man dann noch Verwandte findet – toll!
      Ich habe über die Einträge in alten Adress- und Telefonbücher die Berufe einiger Verwandten herausgekriegt, so wie Frau Schmidt.

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  2. Danke für den gelungenen Beitrag,

    den ich mit großer Freude und einem Lächeln gelesen habe. Es ist schön festzustellen, dass wie bei mir ein kleiner unscheinbarer Moment dazu führte, dass das Interesse an der eigenen Familienforschung geweckt wurde.

    Das „Durchsuchen“ der Telefonbücher war übrigens damals (vor den Zeiten des Internets) tatsächlich eine kleine Urlaubsbeschäftigung während unserer zahlreichen Urlaubsreisen und meiner beruflichen Aufenthalte in den Vereinigten Staaten.
    Heute bin ich froh, dass es via Internet deutlich einfacher ist…

    Ergänzend vielen Dank für die Inspiration für die Blogparade. Ich konnte nicht anders 🙂 Mehr also auf http://raida-flensburg.de/wie-alles-anfing-meine-familienforschung/

    Liebe Grüße und weiterhin viel Freude am Hobby.
    Jörg-Michael

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  3. Danke für den interessanten Artikel!
    Ich habe mal über ein Online-Telefonbuch Verwandtschaft in Brasilien ausfindig gemacht 🙂 Eine unerläßliche Quelle für Ahnenforscher.

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    • Seit Telefonbücher und andere Quellen im Internet sind, ist alles einfacher.
      Ich bin früher noch in die Hauptpost gefahren, weil da die Telfonbücher aus anderen Städten lagen, in denen ich recherchieren wollte.
      Es war alles sehr mühsam.

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