Interview: Warum erstellt man eine Website über die eigene Familiengeschichte?

Manche Familienforscher veröffentlichen die Ergebnisse ihrer Forschung und ihre eigenen Stammbäume als Website und/oder Blog im Internet.
Warum tun sie das? Was bringt das?
Das wollten wir wissen, und daher haben wir einfach einen dieser Familienforscher gefragt: Jörg-Michael Raida, der seit einigen Jahren die Seite  www.raida-flensburg.de betreibt.

Hier ist das Interview:

Frage: Warum haben Sie Ihre Website zur Ihrer Familienforschung gestartet, was waren Ihre Ziele?

J.-M. Raida: Seit dem Jahr 1991 bin ich begeisterter Familienforscher, der sich auf den Weg gemacht hat, die eigene väterliche Familiengeschichte zu erforschen und dabei möglichst vielen Namensträgern die Möglichkeit zu bieten, selbst einmal einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Familienforschung wird bereits nach den ersten Schritten zu einem aufregenden Moment. Spätestens dann, wenn man die erste ältere Urkunde in den Händen halten kann, beginnt das Herz für die Genealogie zu schlagen.

Ich hatte 1991 einen Zeitungsbericht der „BILD“-Zeitung gelesen, in dem es um das Internierungslager Lamsdorf/Oberschlesien ging. Lamsdorf, für mehrere Jahre ein Wohnort meiner Großeltern, war für viele Angehörige meiner Familie der letzte Ort, den sie lebend sahen.

Anschließend hatte ich das Glück, die Dokumentation „Die Hölle von Lamsdorf“ von Heinz Esser als Taschenbuch in den Händen halten zu dürfen. Darin tauchen zahlreiche Familienangehörige auf.

In diesem Moment wusste ich, dass ich meine eigene Familienhistorie erforschen wollte.

Mit meiner Website zur Familienforschung Raida habe ich vor fünf Jahren begonnen und diese immer weiter ausgebaut. Sie hat mehrfach ihr Aussehen verändert und ist sicherlich auch heute noch nicht in einem „Fertigstadium“ angekommen.

Im Moment bin ich dabei, die gesamte Seite umzugestalten und neu zu programmieren. Dies nimmt noch etwas Zeit in Anspruch. Insbesondere deshalb, weil es eine „Operation am offenen Herzen“ ist, denn ich möchte auch während dieser Umbauphase die Erreichbarkeit der Seite sicherstellen.

Ich wollte auch anderen Interessenten die Möglichkeit bieten, an meinen Forschungsergebnissen partizipieren zu können. Gleichsam bot sich mit der Veröffentlichung meiner Website aber auch die Möglichkeit, selbst gefunden zu werden. Dadurch wiederum die Chance, an weitere Materialien heranzukommen.

Mein Ziel für die nahe Zukunft ist es, die Interaktion auf meiner Seite zu verstärken. Ich möchte weitere Möglichkeiten bieten, sich als Leser auf meiner Seite einzubringen und so an dieser Seite selbst teilhaben zu können.

Darüber hinaus ist die Herausgabe der Familienchronik für den Spätherbst vorgesehen, die ich ebenfalls über meine Website „promoten“ möchte.

Diese Familienchronik enthält dann alle erforschten Dokumente in grafischer Form, eine Ahnentafel und/oder einen Stammbaum und ich bin aktuell dabei, die biographischen Einzeldaten in den geschichtlichen Rahmen einzufügen, um die Geschichte meiner Familie greifbarer zu machen.

Familiengeschichte – wo komme ich her? – ist ein Thema, dass in unserer schnelllebigen Zeit fast jeden Menschen interessiert. Nicht zuletzt gehört der Begriff „Familienforschung“ zu den häufig bei google gesuchten Themen.

Mein Ziel ist es, der Prämisse „keine genealogische Forschung ohne Belege“ zu folgen. Das ist nicht immer einfach, aber ein Garant dafür, Fakten liefern zu können.

Frage: Wie haben Ihre Familienmitglieder und Verwandten auf die Website und den Blog reagiert?

J.-M. Raida: Durchweg mit großer Freude und Begeisterung. Ich will nicht sagen, dass sie die Inhalte „verschlingen“, aber immer wieder werde ich darauf angesprochen und motiviert, weiter zu machen.

In der Familienforschung kommt jeder irgendwann und irgendwo an den Punkt, an dem es dann plötzlich nicht mehr weitergeht. Eine Stelle an der man fast verzweifeln möchte.

Aber ich habe in den nun 26 Jahren eigener Forschungsarbeit festgestellt, dass es immer irgendwie weitergeht. Manchmal dauert es länger, manchmal kommt die gewünschte Information (oft aus der eigenen Familie) schneller als man erwartet.

Es ist dann immer wieder erfreulich festzustellen, dass man nicht der Einzige ist, der Interesse an der eigenen Familiengeschichte hat.

Frage: Wie und von wem wird die Website genutzt?

J.-M. Raida: Als Webseitenbetreiber schaut man immer wieder gerne auf die Besucherzahlen und Wege, die der Besucher auf der eigenen Seite geht. Ich selbst darf auf jährliche Besucherzahlen von ungefähr 600 Besuchern zurückschauen.

Das hört sich zunächst nach einer kleinen Besuchergruppe an, insbesondere dann, wenn man die Zahlen mit großen Webseiten vergleicht.

Aber man darf nicht vergessen, dass dies eine Website ist, die eine ganz spezielle Gruppe von Nutzern anspricht und ansprechen soll. Man muss sich ja nun einfach selbst eingestehen, dass sich nicht alle Bewohner dieses Planeten für die Familiengeschichte der Raidas interessiert, sei sie noch so interessant. Das geht selbst der Familie Bismarck nicht anders.
Insofern bin ich also mit den Zahlen sehr zufrieden.

Meine Besucher kommen überwiegend aus Deutschland, den Vereinigten Staaten, Kanada, Österreich, der Schweiz und der Tschechei. Dies entspricht auch den Regionen, in denen mein Familienname verbreitet ist. Die folgende Grafik zeigt die Länder meiner bisherigen Besucher im Jahr 2017 (Stand: 24.08.17).

Der Besucher verweilt durchschnittlich fast neun Minuten auf meiner Seite – eine Zahl, mit der ich sehr, sehr zufrieden bin und mir bestätigt, dass ich meine Seiten mit interessanten Informationen „gefüttert“ habe.

Und im Jahresdurchschnitt liest jeder meiner Leser bei seinem einzelnen Besuch ungefähr drei Seiten auf meiner Homepage.

Nachvollziehbar gibt es eine Seite, die die häufigsten Besucher aufsuchen: Die Darstellung der eigenen Familiengeschichte.

Diese Grafik zeigt die Besucherströme der vergangenen neun Monate auf diese eine Seite sehr deutlich. (Im Mai 2017 gab es eine erhebliche technische Umstellung am System, was dazu führte, dass die Seite von mir vom Server genommen wurde)

Frage: Haben Sie über die Website und den Blog neue Kontakte oder Informationen zu Vorfahren erhalten?

J.-M. Raida: Oh ja, mein Wunsch, anderen die Möglichkeit zu geben, auf meine Informationen zurück zu greifen, führte umgekehrt dazu, dass mich Leser anschreiben und mir ergänzende Informationen geben. Manchmal sogar – und das freut mich ganz besonders – kleine Korrekturen.

Ich habe unheimlich viele nette Menschen auf diesem Weg kennenlernen dürfen, die mir bei meiner Suche uneigennützig behilflich sind. So bin ich schon so manchen Schritt weiter gekommen. Und so manche Sackgasse konnte ich durch diese Hilfe umgehen.

Bei meinem laufenden Projekt der Umgestaltung möchte ich diese Interaktion zwischen mir und meinen Lesern noch erweitern.

Frage: Welches war Ihr beeindruckendstes Erlebnis mit der Website und dem Blog?

J.-M. Raida:  Da gibt es sehr viele Momente, die ich so charakterisieren möchte.

Aber um die Frage schlussendlich zu beantworten: es war die Kontaktaufnahme mit Namensträgern aus den Vereinigten Staaten und den staatlichen Mitarbeitern des Nationalpark-Service von Ellis Island.

Man erinnere sich: Hier in New York taten die meisten Auswanderer, inklusive einiger meiner Vorfahren, ihren ersten Schritt auf den amerikanischen Boden. Zwischen 1892 und 1954 erreichten etwa 12 Millionen Einwanderer diese Insel.

Diese Kontaktaufnahme war ein wirklich herausragender Moment mit meiner Webseite.

Frage: Was würden Sie Menschen raten, die überlegen, auch über ihre Familiengeschichte solch eine Website anzulegen?

J.-M. Raida:  Erster Schritt: Machen!

Man kann viel über die Idee reden, eine Website zu gestalten. Noch mehr darüber, ob man sie nicht noch „schicker“ machen könnte.

Aber wenn man nicht mit der Gestaltung und der Veröffentlichung anfängt, fehlt einfach der erste und wichtigste Schritt.

Zu ergründen, wo der Lebensbaum der Familie seine Wurzeln hat, das sollte einer der Antriebe sein, das eigene Projekt „Familiengeschichte“ zu beginnen.
Johann Wolfgang von Goethe hat in seinem Buch „Maximen und Reflexionen“ geschrieben: „ Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.“

 Ich möchte also gerne jedem Mitstreiter an die Hand geben, seine eigene Seite zu gestalten. Dies ist mit der heute vorhandenen Software überhaupt nicht schwierig und auch sehr günstig

Wer dazu vielleicht die eine oder andere Hilfe benötigt, darf sich sehr gerne an mich wenden. Ich versuche nach allen Kräften zu unterstützen.

Richtig lebendig und ganz besonders interessant wird die Familienforschung aber erst, wenn sie auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Vorfahren und auf das gesamte Lebensumfeld ausgedehnt wird.

Dies soll heißen: Sammelt nicht nur Geburtsurkunden, sondern versucht euch mit der Geschichte, die dahinter steckt, auseinander zu setzen und erzählt diese Geschichte.

Dann wird auch deine Familienforschung für Jedermann ganz bestimmt richtig interessant. Die eigene Familiengeschichte ist oftmals genauso aufregend und spannend wie ein guter Krimi, und man spielt selber mit.

Herr Raida, vielen herzlichen Dank für dieses Interview!

Und, haben Sie nun Lust bekommen, Ihre Forschungsergebnisse auch zu veröffentlichen?
Nur zu, machen Sie das!

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, was Sie ins Internet stellen können und wie Sie Ihre Informationen präsentieren.

Als Anregung, damit Sie mal sehen, wie andere Familienforscher ihre Seiten gestalten, hier noch ein paar Links (in umgekehrt alphabetischer Reihenfolge, damit die Letzten auch mal die Ersten sind):

userpage.fu-berlin.de/sejutti/familienforschung
rambow.de
raida-flensburg.de
meine-vorfahren.de
kracke.org
genealogie-tagebuch.de
familie-lindemann.net
familienforschung-sczuka.de
emslandspuren.de
der-familienstammbaum.de
christoph-www.de
ancestry24.de
ahnenforschung-johne.de
ahnenforschung-baeger.de

Viel Spaß und viel Erfolg wünschen
Johanna Madrasch & Hans Ellinger
www.familiengeschichte-erforschen.de

zur-startseite© familiengeschichte-erforschen.de

3 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Einblicke, die dieses ausführliche Interview gewährt.
    Ich fand es sehr interessant zu lesen, woher Homepagebesucher kommen und wie oft sich diese eine Homepage anschauen.
    Die beschriebene Homepage gefällt mir sehr. Es liest sich sehr angenehm und es ist ein ansprechender und oft auch sehr kurzweiliger Schreibstil. Ich mochte es gerne lesen. Konnte auch eine neue Fundgrube dank eines Hinweises auf der Homepage entdecken. Auch dafür danke. „Spannend wie ein guter Krimi, und man spielt selber mit“ – Sie haben so Recht!!
    Leider fehlt mir jegliches fachliches Wissen, um eine eigene Homepage zu erstellen, auch wenn ich über die letzten 50 Jahre sehr viel Material gesammelt habe.

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    • Es freut uns sehr, dass Ihnen das Interview und die besprochene Homepage gefallen.
      Was Ihre Homepage betrifft: Vielleicht finden Sie jemanden im Bekanntenkreis oder in der Familie, der Sie unterstützt?
      Es gibt vorgefertigte „Homepage-Baukästen“, mit denen man ohne große Fachkenntnisse eine Website erstellen kann.

      Gefällt mir

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