Eine Gedenktafel an einer Straßenkreuzung

Die abgebildete Gedenktafel haben wir auf dem Mittelstreifen der Kreuzung Berliner / Uhlandstraße in Berlin-Wilmersdorf entdeckt. Was hat es damit auf sich? Wir haben recherchiert, das ist dabei herausgekommen:

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Es war in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, Ende April 1945. Unter Aufgebot der letzten Kräfte wurde ein aussichtsloser Kampf zur Verteidigung Berlins geführt. Die russische Rote Armee stand schon am Alexanderplatz.

Ein 17-jähriger Junge, dessen Name nicht bekannt ist, wollte an diesem sinnlosen Kampf nicht teilnehmen. Er trug nach Aussage von Zeitzeugen eine SS-Uniformjacke – ob er tatsächlich Mitglied der SS war oder die Jacke aus anderen Gründen anhatte, weiss man nicht.
Um nicht noch in die Kämpfe verwickelt zu werden, versteckte der Junge sich im Keller eines Hauses in der Berliner Straße, zwischen Uhland- und Fechner Straße.

Dort entdeckten ihn SS-Männer. Sie zerrten ihn aus dem Keller, besorgten sich ein Wäscheleine und hängten ihn vor dem Haus Uhlandstr. 103 an einer Straßenlaterne auf, da wo sich heute ein Lampenladen befindet. Und hängten ihm ein Pappschild um mit der Aufschrift: „Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen“.

Damit folgten sie dem Befehl Adolf Hitlers vom 23. April 1945: „Jeder, der Maßnahmen, die unsere Widerstandskraft schwächen, propagiert oder gar billigt, ist ein Verräter! Er ist augenblicklich zu erschießen oder zu erhängen!“

Die Zeitzeugen sagen aus, dass der Leichnam des Jungen mehrere Tage lang an der Laterne hing – zu Abschreckung der Bevölkerung.
Diese Praxis war nicht ungewöhnlich, es wird von mehreren solchen Hinrichtungen in der Umgebung berichtet.

In den ersten Jahren nach dem Krieg, bis in die 1950er Jahre, haben Anwohner der Uhlandstraße am Todestag des Jungen Blumen an der Laterne niedergelegt, um an dieses sinnlosen Lynchmord zu erinnern.

Auf Initiative des Historikers Michael Roeder wurde am 24.04.2015 die Gedenktafel zur Erinnerung an diesen 17jährigen Jungen und andere Opfer an der Straßenkreuzung aufgestellt.

Woran wir bei solchen Geschichten auch immer denken müssen: irgendwo warteten Eltern und eine Familie  auf diesen Jungen. Und sie haben wahrscheinlich nie erfahren, was mit ihm passiert ist.

 

 

Johanna Madrasch & Hans Ellinger

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